Das Lumpenpack hat mit »Bevor der Mut dich verlässt« ein Album über Hoffnung und Haltung veröffentlicht. Im Interview mit MORITZ Redakteur Alexander Hinssen erzählt Max Kennel, wie die Songs im digitalen Zeile-für-Zeile-Duell entstehen, was die Musik für die Welt leisten kann und warum das Konzert in der Ludwigsburger MHPArena für die Band ein ganz besonderes Heimspiel wird.
MORITZ: Ihr habt euer neues Album „Bevor der Mut dich verlässt“ genannt. Wie seid ihr auf den Titel gekommen?Max: Es gibt ja einen Titeltrack, was ein bisschen aus der Mode gekommen ist. Aber ich liebe das total. Ich bin ein großer Fan von Alben mit Titeltrack. Und das war lustigerweise auch der erste Song, den wir geschrieben haben. Es war dann gar nicht so: Okay, das ist jetzt das Thema der Platte. Sondern es hat sich im Prozess gezeigt, dass dieser Satz ganz gut darüber passt: »Bevor der Mut dich verlässt« da kann ich total viele der Songs einsortieren und finde irgendwie einen Aspekt von Mut, einen Aspekt von Hoffnung, der, glaube ich, allen Songs ein Stück weit zugrunde liegt.
MORITZ: Wie seid ihr dann vorgegangen? Wenn du sagst, es gibt ein zentrales Thema, habt ihr die Texte von anderen Liedern umgeschrieben?
Max: Nee, nee, also es war wirklich so: Wir hatten diesen Song und dann ging es los. Ich glaube, der zweite Song, den wir geschrieben haben, war schon „Alles Schwarz“. Und dann war irgendwie schon eine Klammer auf und zu, und alles andere hat sich da einsortiert. Es war wirklich nicht so, dass wir dann zusammensaßen und gesagt haben: „Boah, das muss jetzt zwingend mit Mut zu tun haben.“ Es war eher der Ausdruck davon, was für ein guter Satz „Bevor der Mut dich verlässt“ ist. Wenn man merkt: Okay, jeder Aspekt der Lebensumstände, in denen wir gerade sind und über die wir schreiben wollen, sortiert sich da ein.
MORITZ: Dann mal ganz konkret: Was ist für dich Mut?
Max: Ich finde, Mut ist inzwischen ein absolut notwendiges Gefühl, wenn man sich in der Welt umschaut. Jonas und ich sind beide junge Familienväter. Man stellt sich die Frage: In welcher Welt sollen unsere Kinder leben? Und wie kann ich mit den begrenzten Mitteln, die man hat, versuchen, die Welt zu verändern und zumindest meinem Kind auch die Haltung und die Ideale mitzugeben? Und ich glaube, dafür einzustehen, das ist Mut am Ende des Tages.
MORITZ: Kann das Musik leisten?
Max: Nee, ich glaube nicht. Ich glaube aber, Musik kann Menschen Mut machen, die das leisten. Musik kann empowern. Musik kann Reaktionen erzwingen. Ich glaube nicht, dass Musik die Welt heilen wird. Aber vielleicht ist Musik auch das, was dabei helfen kann Auseinandersetzungen auf einen Punkt zu bringen. Das ist ja eine Form von Kulturbewegung. Musik ist Teil der Kultur, und diese ganzen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, die wir führen, drehen sich immer um Fragen der Kultur. Wo wären wir denn ohne das? Dann ist alles total leer, dann gibt es ja gar keine Bedeutung mehr, glaube ich. Und ich glaube, dafür ist Musik da. Wenn du eine Nationalhymne singst, ist das ja auch als gemeinsame Bewegung entstanden, um die Leute zu vereinen. Dass Musik sich dann in irgendeiner Form noch viel krasser aufladen kann, ist ja auch irgendwie klar.
MORITZ: Eure Texte sind relativ lustig angelegt. Ein Wortspiel ist, glaube ich, immer drin.
Max: Ja, es wird weniger, würde ich sagen, aber genau das macht schon am meisten Spaß. Es ist schön. Es ist auch schwierig, Leute zum Lachen zu bringen, aber gleichzeitig sind diese Reaktionen eine der schönsten Sachen.
MORITZ: Wie geht ihr beim Texten eurer Songs vor?
Max: Wir texten immer noch so wie in unserer Anfangszeit, obwohl sich unsere Band seit 2020 deutlich vergrößert hat. Inzwischen entsteht es häufiger parallel, würde ich sagen, also Musik und Text gleichzeitig. Aber es gibt nach wie vor diese Phasen, in denen Jonas und ich uns gegenübersitzen, beide mit aufgeklapptem Laptop, und in einem gemeinsamen Google-Dokument abwechselnd eine Zeile tippen. Und wir hoffen, dass der andere kurz lauter ausatmet als sonst. Da ist das eigentliche Lachen versteckt.
MORITZ: Ihr versucht also, euch gegenseitig herauszufordern?
Max: Ja, total. Wir schreiben Texte ganz oft füreinander.
MORITZ: Und wie kommt ihr auf die Themen? Natürlich entstehen einzelne Zeilen, aber wie findet man ein Thema, bei dem man sagt: „Ey, das könnte jetzt ein Songtext werden“?
Max: Ich glaube, da ist man Opfer seiner Umstände. Und wir sind Opfer einer Welt im 21. Jahrhundert, würde ich sagen. Die gibt uns die Themen häufig vor. Inzwischen schreiben wir wirklich viel rund um gesellschaftliche Probleme oder gesellschaftliche Beobachtungen, die wir machen. Umso erfreulicher ist es, wenn wir zwischendrin richtige Quatschanfälle haben. Dann ist es sehr oft die eine Zeile, die einem einfällt, und dann braucht man schnell etwas drumherum. Wenn man so einen Ankerpunkt hat, geht das manchmal ganz schnell und leicht.
MORITZ: Man muss natürlich auch aufpassen bei den ganzen Bubbles und Echokammern, die es momentan gibt. Empfehlenswert ist doch, etwas zu finden, das dann wirklich auch ein paar Leute zum Tanzen, Springen, oder Moshen bringt.
Max: Ja, ich finde, es wird schwieriger, aber es ist, glaube ich, auch total reizvoll. Sowohl die eigene Bubble ein bisschen auszuweiten als auch in andere Bubbles reinzugucken oder die richtigen Bubbles zu provozieren, ist, glaube ich, sehr gut. Denn was ist Punkrock ohne Provokation?
MORITZ: Warum habt ihr euch ganz bewusst für Deutsch als Textsprache entschieden, obwohl viele Bands eher Englisch singen?
Max: Ich glaube, die 2010er-Jahre waren schon eine Dekade, in der man es mit deutschsprachiger Musik eher einfacher hatte als mit englischsprachiger, zumindest im deutschsprachigen Raum. Aber ich glaube, für uns hat sich nie die Frage gestellt, auf eine andere Sprache zu wechseln.
MORITZ: Du hast es schon angesprochen, aber musikalisch habt ihr euch ganz schön entwickelt von einer Zwei-Mann-Gitarrenshow zu einer ganzen Punkband. Welche Rolle spielt das beim Entwickeln eurer Songs?
Max: Also inzwischen ist das unser größter Gewinn durch die Band: dass wir nicht mehr alles brutal zutexten müssen. Wenn man sich anschaut, früher gab es Lieder von uns, die hatten irgendwie 600 Wörter im Text, und ich glaube, heute haben die meisten Songs zwischen 150 bis 200. So haben wir uns Pausen erarbeitet durch unsere Band und Momente, in denen wir uns auch darauf verlassen können, das sie das Publikum unterhalten. Früher war das ja echt so: Da hatte ich diese eine Gitarre, die hat die ganze Zeit gespielt, und dann war klar: Okay, es muss noch mehr passieren, lass uns darüber singen. Und jetzt ist es so, dass man sich auch mal zurücklehnen und die Musik einfach passieren lassen kann. Das ist schon ein wahnsinniger Zugewinn.
MORITZ: Also würdest du sagen, eure Texte sind dadurch auch pointierter oder markanter geworden?
Max: Markanter, glaube ich, auf jeden Fall. Reduzierter. Ich glaube, wir haben auch gelernt, dass wir sie nicht mehr so überfrachten müssen wie früher.
MORITZ: Seid ihr also mit dem Alter auch ein bisschen ruhiger geworden?
Max: Ich glaube nicht, dass wir ruhiger geworden sind. Aber unsere Songs sind eindringlicher als früher. Sie sind markanter und eindringlicher, aber auch reduzierter. Es reduziert sich mehr auf das, was wir sagen wollen, und eine Menge Fluff ist weggefallen. Dann brauchen wir vielleicht auch nicht mehr das 20. Wortspiel, wenn wir etwas Echtes sagen wollen.
MORITZ: Es ist ja oft so, dass man eine Zeile aus einem Lied dann auch wirklich behält.
Max: Genau. Und früher war es echt so, dass wir uns geschämt haben, wenn wir eine Zeile wiederholt haben. Wir wollten immer alles verändern, weil wir dachten, wir langweilen die Leute sofort. Stattdessen haben wir sie damals, glaube ich, eher vor die Herausforderung gestellt, bei den Songs mitzukommen.
MORITZ: Ihr kommt jetzt gerade von euren Open-Air-Auftritten. Wie war es denn? Was waren eure Highlights?
Max: Wir hatten wirklich einen wilden Sommer. Wir waren sowohl auf dem Summer Breeze, dem größten Metal-Festival Süddeutschlands, als auch auf dem letzten Highfield-Festival. Wir haben ganz große Shows gespielt und zwischendurch auch kleine Festivals, bei denen man wieder merkt, wie wichtig Festivals für Jugend- und Subkultur sind. Es war wirklich ein total bunter Blumenstrauß, der einen aber natürlich auch brutal gefordert hat. Ich finde, Festival-Sommer sind so intensiv, weil jeder Tag anders ist. Jeder Tag stellt irgendwie eine neue Herausforderung dar. Man spielt natürlich auch vor Leuten, die einen viel weniger gut kennen als auf der Clubtour. Das bedeutet, man muss anders rangehen. Man bekommt natürlich auch manchmal eine andere Reaktion, als man es gewohnt und auch gewünscht ist. Aber das ist ja auch das Tolle. Man trifft einfach viele neue Leute. Gleichzeitig freuen wir uns total, wieder in den Clubs zu spielen, wo alles ein bisschen energetisch komprimierter ist als vor allem auf einem großen Feld.
MORITZ: Gibt es bisher irgendeinen Moment in eurer Karriere, bei dem du sagst: „Das war die Show, die bleibt mir bis jetzt in Erinnerung“?
Max: Ich finde, wir machen ja jetzt seit zwei Alben diese Klumpenhack-Tour. So nennen wir das, wo wir mit unserem Alter Ego ganz kleine Shows rund um die Plattenreleases spielen. Und das, finde ich, sind so die Momente, die sich wirklich total einprägen. Inzwischen spielen wir echt in großen Venues vor vielen, vielen Leuten. Das sind auch absurde Erfahrungen, wenn Tausende Leute kommen, um sich das anzugucken. Aber in dem Moment zurückzugehen in einen Club, in den irgendwie 150 Leute reinpassen, und da einfach alles zu geben und alles zu kriegen, das ist schon das Intensivste und Besondere.
MORITZ: Habt ihr irgendetwas Besonderes für den Auftritt in Ludwigsburg vor?
Max: Ludwigsburg ist unsere Heimat. Ich meine, wir spielen in Stuttgart mittlerweile nicht mehr, weil wir inzwischen – ich habe es jetzt bei der Vorbereitung der Tour nachgeguckt – schon in so vielen Clubs in Stuttgart gespielt haben, die es mittlerweile nicht mehr gibt. Da dachten wir uns: Boah, das können wir nicht noch einmal riskieren, ehrlich gesagt. Jetzt noch mal woanders zu spielen, wenn der dann auch wieder zumacht, das wollen wir der Clublandschaft auch nicht antun.
Daher wird es natürlich unser Heimspiel. Es ist auch relativ am Ende der Tour. Zum einen wird man uns ein bisschen erschöpft erleben, aber auch in dem Modus, dass alles raus muss und alles gehen muss. Daher wird es, glaube ich, auf jeden Fall besonders. Es ist das vorletzte Konzert und gleichzeitig das Konzert vor dem letzten Off-Day. Also wird es auch unsere große Tourabschlussparty.
Das Lumpenpack Fr. 16. Oktober, 20 Uhr, MHPArena, Ludwigsburg, stuttgart-live.de