Florian Schroeder analysiert, kommentiert und parodiert. Von der großen Politik bis zu den kleinen Ereignissen des Alltags. Im Gespräch mit MORITZ-Redakteur David Gerhold verrät er, wie sich ein Jahr wie 2025 überhaupt zusammenfassen lässt.
Wie fasst man ein Jahr wie 2025 zusammen?
Das ist eine gute Frage. Letztlich kann man es gar nicht zusammenfassen. Man versucht, sich einfach die Themen herauszunehmen, die am auffälligsten erscheinen. Ich sehe da eine gewisse Chronistenpflicht – ganz ohne Merz und die neue Regierung werde ich also ohnehin nicht auskommen, ebenso wie Trump. Das macht gleichzeitig auch viel Freude, weil beide Themenbereiche einfach viel Material bieten. Es gibt aber auch kleinere Themen, die ich abdecke, weil sie mich interessieren oder weil sie einfach lustig sind. „Jeff Bezos heiratet in Venedig“ oder die Kiss-Cam beim Coldplay-Konzert – sowas muss auch Platz finden.
Gab es ein Lieblingsthema für dich?
Ich sage ganz am Anfang meines Programms: Endlich ist der Mann Kanzler, den ich mir als Kabarettist immer gewünscht habe. Wir haben wieder Emotionen in der Politik nach den drögen Scholz-Jahren. Bei Merz hat man immer den Eindruck, der über das, was als nächstes aus seinem Mund kommt, genauso überrascht ist wie wir. (lacht)
Wie schaffst du es, 365 Tage auf zwei Stunden Rückblick einzustampfen?
Erstmal habe ich viel zu viel Material. Ich schreibe ja das ganze Jahr über mit – würde ich am Ende des Jahres mit dem Sammeln anfangen, dann wäre ich verloren. Man muss immer aus dem Jetzt heraus schreiben und am Ende wirft man alles zusammen. Dann ist die wichtigste Devise: Mutig sein beim Rausschmeißen. Einige Dinge, die ich vor ein paar Monaten aufgeschrieben habe, sind gar nicht mehr aktuell, andere wurden durch ganz neue Themen verdrängt. „Kill your Darlings“ ist der beste Prozess, den es gibt.
Du hast noch nie an Kritik an der aktuellen Bundesregierung gespart. Was ist dir in diesem Jahr besonders ins Auge gefallen?
Mir ist aufgefallen, dass es 2025 im Grunde zwei große Themen gab: die Verteidigungsfähigkeit Deutschlands – Merz will Deutschland zur stärksten Armee erklären und dann wirft man einen Blick darauf, wie marode die Bundeswehr aktuell ist, das sagt eigentlich schon alles – und das Thema Migration. Da wird nach meiner Wahrnehmung der große Fehler gemacht, die AfD überholen zu wollen, indem man sie kopiert. Das halte ich für ein Problem, denn das wird nicht funktionieren.
Wie schwer fällt dir als Satiriker der Blick nach Übersee, wo Figuren wie Trump fast schon wie eine überzogene Karikatur ihrer selbst wirken?
In der Tat sehr schwer. Das große Problem liegt hier in der schieren Masse. Das Ziel der dortigen Administration ist ja „flood the zone with shit!“ Es muss permanent etwas passieren oder gesagt werden, damit letzten Endes nichts wirklich hängen bleiben kann, weil schon wieder der nächste Hammer folgt. Diese gezielte Unberechenbarkeit ist das Problem, denn wenn man das einfach nur abbildet, macht man sich zum Gefangenen seiner Strategie. Man wird zum Fußnotenschreiber und macht ihn dadurch nur größer, als er eigentlich ist. Deshalb muss man versuchen, aus diesem ganzen Wahnsinn, der natürlich sehr absurd und lustig ist, zu einer Analyse zu kommen und sich zu fragen: „Was passiert da eigentlich wirklich?“
Es gibt aktuell kaum einen Lebensbereich, in dem man nicht über das Thema KI stolpert. Was ist deine Auffassung dazu?
Ich sehe KI zunächst mal als Taschenrechner fürs Denken. Ich bin also nicht nervös, dass die Menschheit dadurch ausgerottet wird. Ich finde aber, dass dieser Taschenrechner, um einer zu sein, genauer rechnen müsste, beziehungsweise erstmal überhaupt das Rechnen lernen sollte. Denn im Moment, Stand jetzt, ist das maschinelles Lernen – Maschinen, die nach Wahrscheinlichkeiten und mathematischen Gesetzen Ableitungen treffen, die oft völlig falsch sind. Es ist keine Recherchegrundlage, mit der ich zurzeit arbeiten würde, aber ich beobachte und benutze es punktuell. Den Begriff Künstliche Intelligenz halte ich für Schwachsinn – es ist keine Intelligenz, denn eine echte Intelligenz heißt auch, Uneindeutiges auszuhalten und das kann nur der Mensch. Und selbst dem fällt es mehr als schwer. Die Maschine kann auch nicht halluzinieren, weil es dafür Empfindungen braucht. Diese begrifflichen Unschärfen zeigen, dass wir immer noch viel zu sehr Maschinen vermenschlichen und uns selbst dabei unter das Niveau der Maschinen setzen.
Bei allen zynischen Blicken auf das vergangene Jahr, gab es etwas Positives, was du mitgenommen hast?
Das Positive ist eigentlich nicht so meine Angelegenheit (lacht). Ich brauche für meinen Job nun mal eine gewisse Reibung und eine gewisse Schärfe. Aber ich muss sagen, Kanzler Merz macht zumindest außenpolitisch eine gute Arbeit und schafft es, alte eingerostete Brücken wieder zu errichten- etwa die nach Frankreich. Das gefällt mir gut, muss ich ja auch mal fairerweise sagen.
Abseits der weltpolitischen Bühne, welche kleinen Themen im Alltag sind dir in diesem Jahr aufgefallen?
Ich habe vor allem beobachtet, wie viel ich mittlerweile auf Instagram bin. Sogar für meine Arbeit ist Instagram eine wichtige Quelle geworden. Mein Liebling war 2025 Annalena Baerbock. Wenn man die auf Instagram beobachtet, hat man den Eindruck, sie ist entweder eine Art „Sex and the City“ Remake oder ein Markus Söder in weiblich. Denn es geht permanent ums Essen! Da heißt es Bagels statt Brathaxe, High-Heels statt Lederhose – das ist für mich gelebte feministische Außenpolitik.
Was erhoffst du dir von dem kommenden Jahr?
Nicht viel (lacht). All das, was wir jetzt sehen und was sich am Horizont zusammenbraut, war erst der Anfang. Da wird noch sehr viel kommen, womit wir uns auseinandersetzen werden müssen. Grade Europa als Kontinent wird eine ganz neue Rolle für sich finden müssen.
Mit deinem Jahresrückblick bist du am 25. Januar auch in Heilbronn. Hast du einen Bezug zu den Schwaben und der Region?
Ich bin ja Baden-Württemberger und komme aus Lörrach. Dadurch habe ich natürlich, um es mal vorsichtig auszudrücken, ein ambivalentes Verhältnis zum Schwäbischen (lacht). Die Badener standen immer im Schatten, dafür sind wir die größeren Genießer. Naja, wir trinken mehr Wein. Und vor allem: besseren! (lacht)
Florian Schroeder » Schluss jetzt! - Der satirische Jahresrückblick«
So. 25. Januar, 19 Uhr, Harmonie, Heilbronn