In »Legendary: THE 90s« nimmt Schauspieler Ruben Dietze das Publikum im Friedrichsbau Varieté als DJ Ben mit auf eine Zeitreise durch das vielleicht schrillste Jahrzehnt der Popkultur. Der gebürtige Waiblinger verbindet persönliche Erinnerungen an seine Kindheit mit Musik, Theater und einem Blick auf die Gegenwart. Im Interview mit MORITZ Redakteur Alexander Hinssen erzählt er, warum die 90er für ihn mehr sind als nur Nostalgie und weshalb er in der Show vor allem eines vermitteln möchte: Zukunftshoffnung.
Du führst das Publikum als DJ Ben durch den Abend. Was macht für dich den Reiz aus, hier am Friedrichsbau Varieté zu arbeiten?
Das Schöne ist die Vielseitigkeit. Als Schauspieler bist du normalerweise vor allem mit anderen Schauspielern zusammen. Hier kommen dagegen ganz unterschiedliche Menschen und Nationen zusammen, und alle bringen ihre eigene Qualität mit. Das finde ich spannend und inspirierend. Und diese 90er-Show ist natürlich eine Party. Ich war damals noch ein Kind, habe die Zeit und vor allem die Musik sehr bewusst miterlebt. Viele Dinge lösen bei mir richtige Flashbacks aus. Ich habe einfach sehr viele schöne Erinnerungen an diese Zeit. Und das Varieté ist als Arbeitsort ohnehin etwas Besonderes. Es ist einfach etwas anderes als das, was man sonst als Schauspieler macht.
Welche Erinnerungen an die 90er sind bei dir besonders lebendig?
Ich war wirklich Backstreet-Boys-Fan. Ich habe mir schon im Kindergarten oder in der Grundschule die Frisuren der Backstreet Boys gemacht und wollte wie sie in einer Boyband mittanzen. Wir haben damals sogar Choreografien zu ihrer Musik gemacht. Britney Spears habe ich natürlich auch voll miterlebt. Und ich fand schon immer elektronische Musik ziemlich geil. Sehr präsent ist mir auch der Game Boy. Ich weiß noch genau, dass ich mir zu Weihnachten einen Game Boy und Pokémon gewünscht hatte. Der Game Boy lag unter dem Tannenbaum und das Spiel hing am Baum. Ich hatte die blaue Edition, mein Bruder die rote. Auch der Nintendo 64 war damals ein großes Highlight. Es gab immer etwas, worauf man sich freuen konnte, wenn neue Spiele herauskamen. Oder ich bin mit meinem Kumpel aus der Nachbarschaft herumgeskatet, was natürlich überhaupt nicht funktioniert hat. Ich denke mir heute allerdings oft: Wie geil wäre es gewesen, in den 90ern erwachsen zu sein? Ich hätte die Clubszene und die gesellschaftlichen Entwicklungen damals gerne bewusster erlebt. Als Kind bekommt man vieles davon natürlich noch gar nicht richtig mit.
Wie viel DJ Ben steckt denn in Ruben?
Schon ziemlich viel. Ich höre sehr gerne elektronische Musik und gehe selbst gerne feiern. Ich finde es einfach geil, wenn ich etwas machen kann, das mit Musik zu tun hat. Vielleicht muss ich mir tatsächlich irgendwann ein Turntable kaufen und selbst lernen aufzulegen. Mich fasziniert auch die Geschichte der elektronischen Musik. House und Techno sind aus Subkulturen entstanden. Gerade House hat seine Ursprünge in Detroit und wurde stark von ausgegrenzten schwarzen und queeren Communities geprägt. Menschen, die sich in der Gesellschaft nicht sicher und frei fühlen konnten, haben sich dort ihre eigene Welt aufgebaut. Das wirkt bis heute in die Szene hinein. Die Elektro- und Techno-Szene ist sehr offen. Wenn du zum Beispiel in Stuttgart ins Fridas Pier gehst, ist die Atmosphäre sehr friedlich. Da sucht niemand Stress. Männer können sich küssen, Frauen können sich küssen, und alle sind miteinander glücklich. Dieses Mindset finde ich schön, gerade weil diese Kultur auch aus einer Geschichte der Ausgrenzung heraus entstanden ist.
Das passt zu eurem Bühnenbild: Die einreißbare Mauer steht ja ebenfalls für das Einreißen von Grenzen.
Ja, genau. „Love“ steht fett darauf. Die Mauer hat mich auch für meinen Abschlussmonolog inspiriert. Für mich ist es manchmal schwer zu begreifen, weil ich überzeugt bin, dass die meisten Menschen friedlich miteinander leben wollen und grundsätzlich offen sind. Und trotzdem schaffen wir es immer wieder, Hass zu verbreiten. Ich frage mich, ob wir es irgendwann schaffen, dass die Mehrheit, die friedlich miteinander leben möchte, genauso laut wird wie diejenigen, die Hass verbreiten. Mein politischer Ansatz ist deshalb: Wir müssten es eigentlich schaffen, gemeinsam zu handeln. Mir kommt es – und das ist wirklich nur mein Eindruck – so vor, als würde es weltweit immer häufiger darum gehen, andere Menschen persönlich anzugreifen und herabzusetzen. Dabei könnte man doch sagen: Wir haben unterschiedliche Meinungen, aber lass uns trotzdem versuchen, gemeinsam etwas Gutes zu finden. Deshalb finde ich auch den Spirit dieser 90er-Show schön. Natürlich war auch damals nicht alles perfekt. Aber wenn man diesen Gedanken von Liebe und Gemeinschaft wieder aufleben lässt und gemeinsam feiert, tut das, glaube ich, allen gut.
Dir geht es also vor allem um das Gefühl des Zusammenhalts?
Ich würde es eher Zukunftshoffnung nennen. Wenn du heute die Leute fragst, auch Kinder, haben viele keine besonders positive Vorstellung von der Zukunft. Viele sagen: „Es wird alles schlimmer.“ Das finde ich erschreckend. Die 90er sind deshalb für mich ein interessanter Spiegel. Sie erinnern uns daran, dass es die Hoffnung auf eine gute Zukunft durchaus geben kann und dass jeder Einzelne etwas dafür tun kann, allein schon durch eine positive Haltung.
Ist das auch das, was dich am Theater interessiert, dass es einen solchen Spiegel schaffen kann?
Ja. Das Schöne ist die Verfremdung. Wenn man nicht das Alltägliche darstellt, sondern etwas anderes, kommt man ins Denken. Man schafft einen Kontrast zu dem, was man ohnehin jeden Tag erlebt. Typischer Brecht eben. Er hat das als Verfremdungseffekt bezeichnet.
Merkst du einen Unterschied zwischen deiner Rolle hier und deiner klassischen Schauspielrolle im Alten Schauspielhaus?
Ja, ganz klar. Hier ist die vierte Wand immer offen. Ich spreche die Leute aktiv an, und sie sind teilweise sogar Teil der Show. Im klassischen Theater wird die vierte Wand zwar manchmal auch gebrochen, aber der direkte Kontakt zum Publikum wird nicht unbedingt gesucht. Man ist stärker in seiner eigenen Welt. Das hilft natürlich dabei, eine Illusion aufzubauen. Hier wird diese Illusion bewusst geöffnet. Das passt zum Charakter der Show: Sie soll locker, offen und einladend sein. Bei einem Stück wie „Romeo und Julia“ wäre das natürlich etwas völlig anderes. Wenn sich die beiden am Ende umbringen, wärst du als Zuschauer ja nicht gerne Teil davon. Da ist es schön, einfach in die Box zu schauen und zuzusehen. Auch für die Schauspieler ist die geschlossene vierte Wand wichtig. Sie hilft dabei, die Illusion aufrechtzuerhalten und sich auf das Geschehen zu konzentrieren.
Was macht für dich den Reiz des Schauspielens aus?
Für mich ist die Abwechslung entscheidend. Ich kann mich mit jeder Rolle neu entdecken und erforschen. Und man lernt mit jeder Rolle etwas Neues. Auch die Arbeit im vergangenen Jahr beim Stück »Legendary: ELVIS« war dafür ein gutes Beispiel. Moderation wäre für mich früher der Horror gewesen. Du musst direkt, schlagfertig und wach sein und hast nicht den Schutz, den du im klassischen Schauspiel durch deine Rolle und dein Manuskript hast. Wenn die vierte Wand geschlossen ist, weißt du, was du zu sagen hast. Sobald du sie öffnest, hast du diesen Schutz nicht mehr. Vor fünf Jahren hätte mich das noch total gestresst.
Was hat dich trotzdem motiviert, diese neue Form auszuprobieren?
Es war einfach eine tolle Möglichkeit. Ich fand schon bei Elvis die Idee meiner Rolle spannend: ein toter Zwillingsbruder, der seinen Bruder sein Leben lang wie ein Schutzengel begleitet. Das fand ich eine superschöne Idee. Man hat automatisch diese Verbindung zu Elvis und kann gleichzeitig Dinge kommentieren, ohne mit dem Zeigefinger zu sagen: Das war gut oder schlecht. Damit kam auch die Aufgabe als Conférencier. Das war für mich völlig neu und hat mich schauspielerisch enorm weitergebracht. Es ist ein cooler Mix: Man hat eine Figur und einen Text, aber gleichzeitig steckt auch viel Persönliches darin. Dadurch fällt es mir leicht, mit Spaß und Freude an die Sache heranzugehen. Das war bei Elvis so und ist jetzt wieder so. Es ist eine andere Figur, aber genauso spannend. Und ich kann einfach meine 90er-Jahre-Musik feiern und zwei Stunden abzappeln. Ich finde es toll.
Wie viel von deinen Monologen schreibst du selbst?
Ich habe die Monologe selbst geschrieben. Natürlich war ich dabei im Austausch mit Ralph Sun, unserem Regisseur, und mit unserem Geschäftsführer Timo Steinhauer. Ich habe zunächst unabhängig von den Acts überlegt: Was gibt es zu den 90ern? Was könnte man erzählen? Was ist interessant? Ralph kennt die Acts, die Vision und die Musik des Abends. Er weiß, welches Stimmungsbild entstehen soll. Nachdem ich die Acts gesehen hatte, hat sich das Ganze Stück für Stück weiterentwickelt.
Hast du dafür deine eigene Kindheit durchforscht?
Ja, natürlich auch. Ich habe mich aber vor allem gefragt: Was ist damals wirklich passiert? Vieles entsteht aber auch erst in den Proben. Ich bekomme dort nicht ständig Feedback, sondern muss vieles selbst ausprobieren. Das war letztes Jahr bei Elvis genauso. Über die Zeit entwickelt sich die Rolle einfach weiter.
Und wie viel Raum lässt du dabei für Spontaneität?
Mit der Zeit wird man einfach freier. Wenn man sein Gerüst sicher beherrscht, kann man auch mal spontan aussteigen, mit den Leuten sprechen oder einen Scherz machen. Das ist von Abend zu Abend unterschiedlich und genau das macht es spannend. Man muss Lust darauf haben, ins Ungewisse zu gehen. Aber ich denke mir auch: Es stirbt ja keiner. Selbst wenn etwas mal in die Hose geht, passiert nichts. Meine Latzhose ist dafür hoffentlich weit genug. Ich habe allerdings tatsächlich ein bisschen Angst, dass sie irgendwann reißt. Das ist meine eigene, weil mir hier keine gepasst hat. Ich habe sie vor sechs oder sieben Jahren gekauft und merke inzwischen, dass die Bewegungsfreiheit nicht mehr ganz so ist wie früher. Ich warte also auf den Tag, an dem es „Ritsch“ macht und die Zuschauer mir ins Unterstübchen gucken können.
Bei so viel Spontaneität: Gibt es einen Act, den du selbst gerne können würdest?
Das Cyr-Wheel finde ich ziemlich cool, auch wenn ich dafür wahrscheinlich viel zu groß bin. Auch Pole finde ich faszinierend. Da hat man das Gefühl, dass man sich ein bisschen darin verliert. Als Schauspieler kann ich mir sagen: Wenn ich körperlich einmal nicht ganz auf der Höhe bin, bin ich trotzdem irgendwie sicher. Die Artisten dagegen müssen immer zu 100 Prozent funktionieren. Was sie teilweise machen, ist wirklich beeindruckend. Und das Verrückte ist: Die können alle noch viel mehr als den einen Act, den sie hier zeigen. Das sind echte Rundumkünstler. Das finde ich krass und sehr inspirierend.
Bleibt zum Schluss die Frage nach deinem persönlichen Soundtrack: Hast du einen Lieblingssong am Abend?
Gute Frage. Ich finde tatsächlich das Opening ziemlich geil. Da ist so viel Energie drin. Jedes Mal denkt man: „Jetzt geht's los!“ Man kommt sofort auf Temperatur. Und „Wannabe“ finde ich auch ziemlich nice, wenn die Spice Girls kommen.
Legendary: THE 90s
bis So. 8. November, Do. bis Sa. 20 Uhr, So. 18 Uhr, Friedrichsbau Varieté, Stuttgart, www.friedrichsbau.de