Seit über 25 Jahren steht Dieter Tappert bereits mit seiner Kunstfigur Paul Panzer auf deutschen Bühnen. Mit MORITZ-Redakteur David Gerhold spricht er über seine zunehmende Weltuntergangsstimmung, was Künstliche Intelligenz mit Asbest zu tun hat und wie Paul mit dem Altwerden umgeht.
Wie geht es dir in dieser „Schönen neuen Welt“, wie du sie nennst?
Der Untertitel lautet „Willkommen in der Hölle“. Meine Titel sind immer ein bisschen ambivalent und genau so empfinde ich das. Aus der Sicht von Paul ist die „Schöne neue Welt“ etwas ironisch gemeint, weil nicht alles so toll ist, wie es vielleicht im ersten Augenblick scheint. Das ist natürlich subjektiv, bietet aber Stoff für neue Geschichten und Gedankengänge. Es ist wie immer bei Paul nicht alles, wie es scheint.
Schon dein letztes Programm Apaulkalypse hatte einen sehr lebensbejahenden Titel. Herrscht bei dir so eine Weltuntergangsstimmung?
Sorgen muss man sich keine machen. Einerseits spiegelt es ein wenig mein persönliches Interesse wider, was mit uns Menschen so los ist und wie wir uns entwickeln. Es spielt auch ein Stück weit Persönlichkeit mit rein. Bei Paul und Dieter – wir teilen uns ja den Körper – spielt schon eine gewisse Grundmelancholie mit rein. Ich fühle mich einfach wohl in diesen dystopischen Welten und habe gemerkt, die Leute haben sehr viel Spaß damit. Du kannst dir ja die ganzen Bücher und Filme der letzten Jahre angucken, da ist Dystopie und Weltuntergang oft ein Thema. Ich weiß nicht, warum die Leute das so anziehend finden, aber ich habe viel Spaß daran. Und es heißt ja nicht, dass die Welt tatsächlich untergeht.
Wie schaffst du es, diese Themen mit Humor zu verarbeiten?
Humor ist ja eine Kraft, die allgegenwärtig ist. Ich habe witzigerweise letztens ein Buch gelesen, da ging es um das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte, das dritte Reich, und in einem Teil auch um Humor. Der existiert selbst dort und selbst da wird gelacht. Dein schönes Stichwort „lebensbejahend“ trifft es da sehr gut. Schwierige Themen und Humor schließen sich nicht aus und Tragödie und Komödie lagen immer schon dicht beieinander. Vielleicht geht es mir deshalb so leicht von der Hand.
Du hast erwähnt, dass sich zwei Personen deinen Körper teilen. Inwieweit unterscheidet sich Pauls Blick auf die Welt von Dieter?
Paul ist ein übertriebenes Destillat aller Strömungen, die sich in Dieter bewegen. Eigentlich sind beide das genaue Gegenteil voneinander, aber wir finden die gleichen Dinge interessant und leben in der gleichen Welt mit den gleichen Einflüssen. Nur die Ansichten sind verschoben. Mein Hauptziel bleibt weiterhin, dass die Leute sich kaputtlachen, aber das erfordert, dass man gelegentlich über die Stränge schlägt – und dafür ist der Paul zuständig.
Du spielst jetzt schon sehr lange den Paul Panzer. Wie hat sich die Figur in dieser Zeit entwickelt und verändert?
Paul ist auch in die Jahre gekommen. Er begleitet mich jetzt schon seit über 25 Jahren. Irgendwann hat man eine gewisse Reifestufe erreicht und gewisse Themen werden zu profan, zu eindimensional, zu viel Nonsens, mit dem man sich nicht mehr auseinandersetzen will. Ich habe eh schon immer Schwierigkeiten damit gehabt, dass ich so ein verkopfter Typ bin, der sich über alles zu viele Gedanken macht. Der Paul hat sich dem Dieter dahingehend angenähert. Für mich war diese ganze Promiwelt und diverse Bunte- oder Galathemen immer schon so nichtig und irrelevant. Ich rede lieber über schwarze Löcher oder Fracking. Das mag ich auch an Paul. Der ist eine Figur für den zweiten Blick – auf dem ersten sieht man nur die dicke Brille, das bunte Hemd und die zerzausten Haare. Wenn man sich aber traut, länger hinzugucken, dann stellt man fest, dass da viel mehr hintersteckt. Ich glaube das ist das Geheimnis von Paul. So hat er es geschafft, sich über all diese Jahre zu halten.
Der Stichpunkt „Künstliche Intelligenz“ dringt ja grade in nahezu alle Lebensbereiche ein, auch in den kreativen. Was ist deine Meinung dazu?
Als Dieter bin ich erstmal offen, wie immer. Paul nicht ganz so, der ist auf der Bühne rigoroser. Ich glaube, dass KI viele Chancen birgt, aber natürlich auch viele Gefahren. Manche dieser Gefahren sind so invasiv in unserem Leben und unserer Entwicklung, dass wir dem ein besonderes Augenmerk zukommen lassen sollten – wenn es nicht sowieso schon zu spät ist. Diese Büchse der Pandora ist offen. In der Menschheitsgeschichte ist es definitiv ein Einschnitt. Ob wir bereit dafür sind, keine Ahnung! Asbest fanden wir am Anfang auch echt toll (lacht).
Du vergleichst dich mit Sisyphus der modernen Welt. Wie frustrierend ist es für dich, den Fels immer wieder den Berg herunterrollen zu sehen?
Ich sehe es ein Stück weit als Lebensaufgabe. Man ist ja der, der man ist. Ich weiß, der metaphorische Fels rollt wieder herunter, sobald ich oben bin und ich weiß auch, dass ich ihn nicht einfach da unten liegen lassen kann. Das wäre für mich Selbstaufgabe. Dass ich und das positive Denken keine Freunde mehr werden, das ist mir klar (lacht). Da komme ich nicht aus meiner Haut und das wirkt sich natürlich auch auf den Paul aus. Ich schlage mich mein ganzes Leben lang schon mit Depressionen herum, ich habe ADHS, das ist mein Rucksack, den ich trage. Humor hat mich gerettet und da bin ich mehr als dankbar für. Deswegen sag ich auch: „Wenn untergehen, dann mit einem Lächeln im Gesicht!“
Mit deinem Programm bist du am 20. Dezember in Heilbronn. Welche Verbindung hast du zum Schwabenländle?
Ich bin da sehr oft und gerne – natürlich von Berufs wegen. Zu sagen, dass da eine besonders tiefe Verbindung herrscht, wäre geschwindelt, aber ich mag die Schwaben, ich mag ihre Art. Und ich freue mich auf Heilbronn.
Paul Panzer »Schöne neue Welt«
Sa. 20. Dezember, 20 Uhr, Harmonie, Heilbronn