Crossover-Geiger David Garrett bewegt sich seit zwei Jahrzehnten zwischen Klassik und Pop – und sieht genau darin sein Erfolgsrezept. Vor seinem Auftritt in Ludwigsburg spricht er im Interview mit MORITZ-Redakteur Alexander Hinssen über die Idee des Crossorvers, seine kreativen Prozesse und die Rolle von künstlicher Intelligenz in der Musik.
Crossover ist so etwas wie dein Markenzeichen. Wie bist du dazu gekommen?
Naja, sagen wir mal, Crossover ist für mich so ein bisschen Mittel zum Zweck, um auch auf die Klassik aufmerksam zu machen. Es war mein Weg, ein Publikum an die Klassik heranzuführen. Ich bin ja auch seit guten – was soll ich mal zusammenrechnen – 20 Jahren immer mit jeweils unterschiedlichen Projekten unterwegs, mal Crossover, mal Klassik. Das lässt sich eigentlich sehr gut parallel laufen. Daraus hat sich eine sehr schöne Symbiose entwickelt, was das Publikum angeht. Für mich war das so mein persönlicher Weg, den ich eingeschlagen habe, der mir persönlich Spaß gemacht hat und immer noch Spaß macht.
Aber um es vielleicht auch in Relation zu setzen: Wir sind jetzt gerade mit dem Klassikprojekt fertig geworden, letzte Woche. Und nächstes Jahr kommt wieder ein Klassikalbum raus bei der Deutschen Grammophon. Das heißt, im nächsten Jahr gibt es dann wieder Chorklassik. Das ist ja auch schön, wenn man das in der Waage hält. Und die Musik ist für mich auch viel interessanter. Also wenn ich nur Klassik spielen würde – so schön die Musik ist – ich glaube, ich würde etwas vermissen. Genauso wie, wenn ich nur Crossover machen würde, würde ich auch keine eigene Identität fühlen. Insofern geben mir beide unglaublich viel zurück.
Du hast dein neues Album „Millennium Symphony“ genannt. Und da bist du auch auf relativ breiter musikalischer Front unterwegs, was das Covern angeht. Was war die Idee dahinter und wie hast du die Stücke ausgewählt?
Naja, die Idee ist relativ einfach erklärt. Es ist aber auch wichtig, dass man direkt ein Konzept im Kopf hat. Wie der Name schon sagt: Millennium. Mir ging es darum, nur Sachen auszuwählen, die aus den 2000ern sind – also ein relativ frisches Album. Auch die Stücke sind alle noch irgendwie sehr präsent, zumindest bei mir. Und ich glaube auch bei vielen anderen Menschen.
Natürlich gibt es immer das ein oder andere Stück, das ich recherchiere, wo ich sage: Oh, das habe ich eigentlich vergessen, aber das ist ein wirklich tolles Stück. Kleines Beispiel: „Welcome to the Black Parade“ von My Chemical Romance. Das ist so ein Stück, bei dem ich sage: Das hat auch noch irgendwie die Akkordprogression vom Kanon von Pachelbel – insofern auch direkt ein Link zur klassischen Musik.
Aber so ein Album steht und fällt mit einer guten allgemeinen Struktur, mit einer Idee, einem Gesamtkonzept. Und dann geht es natürlich erst einmal darum, Ideen zu sammeln. Ich schätze mal, das mache ich – während ich mit Klassik unterwegs bin – meistens über ein Jahr oder eineinhalb Jahre. Ich schreibe mir Stücke auf, höre viel Musik, beschäftige mich viel damit. Gerade bei den Stücken, bei denen ich eine direkte Idee habe – wie könnte sich das anhören, wo kann die Geigenstimme rein, welchen musikalischen Ansatz kann ich da einbringen, was kann ich dem Stück zusätzlich geben aus der Perspektive eines klassischen Komponisten und eines Geigers.
Das sind Ansätze, die sich über viele Monate entwickeln. Dann fängt man an, peu à peu Demos zu schreiben – aber sehr einfache Demos, um ein Gefühl zu bekommen: Funktioniert das mit dem Instrument? Ist es interessant genug? Und dann geht es erst richtig ins Studio, ins Arrangieren des Orchesterscores. Das ist eigentlich ein sehr langer Prozess, muss man fairerweise sagen.
Wie lange hat diese Auswahl für das Album gedauert?
Also von den ersten Gedanken an so zwei bis zweieinhalb Jahre – schon, dafür, dass das so viele bekannte Stücke sind.
Gibt es denn da auch Stücke, bei denen du sagen würdest: Das passt jetzt gar nicht? Also ein Genre, an das du dich nicht unbedingt heranwagen würdest?
Nicht auf dem Album, sonst hätte ich es nicht gemacht. Ich meine, ich habe immer so eine Stimme in mir, die sagt: „Geht nicht, gibt’s nicht.“ Und je mehr man mir sagt, dass irgendwas nicht geht, desto mehr arbeite ich mich da rein, bis ich das Gegenteil bewiesen habe – für die Person, die behauptet, dass es nicht geht.
Also nächstes Album dann irgendwelche japanischen EDM-Beats oder so?
Ich habe tatsächlich schon immer drei, vier Albumideen auf meinem Telefon, wo ich auch zwischendurch, wenn ich etwas höre, Sachen einsortiere. Japanische EDM-Musik ist jetzt noch nicht dabei, aber ich schreibe es mir mal auf. Das wäre auf jeden Fall mal etwas anderes – warum nicht? Ich versuche natürlich immer, ein breites Publikum anzusprechen. Das wäre dann wahrscheinlich eher etwas für Japan. Aber auch nicht schlecht – why not?
Du hast in einem Interview gesagt, dass viele moderne Songs relativ risikoarm sind und sich melodisch ähneln. Hast du bei dem Album bewusst Stücke ausgewählt, die ein bisschen risikofreudiger sind?
Absolut. Es ist schon so, dass wir mittlerweile auch eine gewisse Sounddose haben, was Produktion angeht – viel durch künstliche Intelligenz und dieselben Studio-Sounds, dieselben Synthesizer. Mittlerweile bedienen sich viele Produzenten an denselben Sounds.
Es geht in eine Richtung, in der die Unterschiede zwischen R&B, Rock und EDM verschwimmen – was auch gut ist. Manchmal ist mir das allerdings zu viel, weil diese klare Kante, die ein Genre eigentlich haben sollte, ein bisschen verloren geht. Das finde ich schade.
Würdest du sagen, dass künstliche Intelligenz in deiner Branche eher in die richtige Richtung geht, oder sollte man da vorsichtig sein?
Es kommt immer auf den Menschen an. Wir lenken die künstliche Intelligenz ja letztendlich. Es kommt darauf an, ob du es dir einfach machen möchtest und schnell – was meistens nicht zu einem besonders kreativen Ergebnis führt – oder ob du den harten Weg gehst. Und der harte Weg ist meistens, so steinig er auch ist, kreativ und künstlerisch hochwertiger.
Jetzt können wir philosophisch werden: Merkt das Publikum den Unterschied? Die Antwort darauf ist wahrscheinlich: eher nicht. Deswegen verstehe ich auch, dass viele sagen: Warum soll ich den schweren Weg gehen, wenn der kürzere mit KI zu einem ähnlichen Ergebnis führt und ich mehr Freizeit habe? Work-Life-Balance durch KI – verstehe ich auch. Work smart, not hard. But I like to work creative. And that's always fucking hard.
Sehr gut, dass das im Deutschen nicht so rüberkommt, da muss man ins Englische wechseln.
Genau, sonst hat es nicht den Dampf.
Gibt es Künstler, die dich besonders ansprechen und deinem Stil entsprechen?
Wenn man klassische Musik analysiert, merkt man: „Klassik“ ist eigentlich nur ein Oberbegriff für Musik, die über 300 Jahre entstanden ist. Das ist kein einzelner Musikstil. Da gibt es unglaublich viel Unterschied und Diversität. Das liebe und lebe ich und suche das auch in moderneren Genres.
Es gibt noch wirklich tolle Künstler und großartige Musik. Spannend fand ich bei dem Projekt, dass ich zum ersten Mal ein Crossover-Album gemacht habe, das sich nur auf die letzten 20 Jahre konzentriert – also relativ frisch, auch was die Orchestrierung angeht. Früher, bei Projekten wie „Rock Symphonies“ oder „Rock Revolution“, war viel Musik aus den 60ern bis 90ern dabei, mit ganz unterschiedlichen Komponistenstilen und größeren Arrangements.
Mir ist schon aufgefallen, dass Musik simplifizierter wird: Statt vier Akkorden sind es oft nur drei, Bridges passieren seltener. Dafür werden andere Elemente wichtiger, etwa Produktion und Sound. Das waren Dinge, die für mich plötzlich interessant wurden. Nur so konnte ich es schaffen, drei Minuten aus einem Stück spannend zu gestalten. Das war eine neue Herangehensweise und eine Herausforderung, bei der ich viel gelernt habe.
Es ist spannend, dass man diese Unterschiede innerhalb der letzten Jahrzehnte so klar erkennen kann.
Ja, absolut. Es gibt immer noch fantastische Künstler, aber man muss manchmal suchen. Ich bin ein sehr „handmade“-orientierter Künstler. Ich arbeite ungern mit Programmen. Auch bei „Millennium Symphony“ ist alles live eingespielt.
Kostentechnisch wird das für viele zukünftige Künstler schwierig. Selbst ich muss schon kämpfen und zahle teilweise Dinge aus eigener Tasche, damit die Produktion handgemacht bleibt.
Ich habe gelesen, dass heute vor allem Konzerte Geld bringen und weniger die Alben.
Ja, das stimmt. Und das führt dazu, dass viele sagen: Wenn ich es günstiger produzieren kann und es für das Publikum trotzdem gut klingt, warum soll ich mir den Stress machen, ein großes Orchester zu bezahlen?
Verständlich, eine Schülerband kann sich das wohl kaum leisten.
Absolut nicht, das ist verdammt teuer. Die Welt ist da ein bisschen im Ungleichgewicht. Aber auf der anderen Seite ist es auch schön, dass Menschen ohne Budget heute viele Möglichkeiten haben, kreativ zu sein. Wer kreativ ist, kann unglaublich viel erreichen. Es ist eine andere Art von Kunst, aber nicht unbedingt eine schlechtere.
Eine letzte Frage noch: Dein Auftritt in Ludwigsburg findet am Residenzschloss statt – eine ungewöhnliche Kulisse. Wie bereitet man sich darauf vor?
Ich bin ein riesiger Fan von Outdoor-Konzerten. Das macht etwas mit dem Publikum und noch mehr mit den Musikern auf der Bühne. Es ist ein Unterschied, ob du in einer Konzerthalle spielst oder draußen.
In der Halle hast du perfekte Bedingungen, aber du blickst in einen dunklen Raum. Draußen hast du eine ganz andere Wahrnehmung: Wetter, Wind, Sonne, vielleicht sogar den Sonnenuntergang. Es entsteht eine besondere Emotion, die es so in der Halle nicht gibt. Darauf freue ich mich sehr.
Diskografie (Auswahl)
1995: Beethoven »Frühlings-Sonate«
2001: Tchaikovsky, Conus: Violin Concertos
2007: Free
2008: Encore
2010: Rock Symphonies
2013: Garrett vs. Paganini
2015: Explosive
2017: Rock Revolution
2022: Iconic
2024: Millennium Symphony
David Garett, So. 2. August, 20 Uhr, Residenzschloss Ludwigsburg, www.stuttgart-live.de