Cem Özdemir ist das wohl bekannteste Gesicht im Rennen um das Ministerpräsidentenamt. Der erfahrene Bundespolitiker tritt erstmals als Spitzenkandidat in Baden-Württemberg an. Im MORITZ Interview spricht er über Technologieführerschaft, Chancengerechtigkeit, seine Rückkehr in die Landespolitik und darüber Kretschmann zu kapieren.
Was ist für Sie die wichtigste Aufgabe in der kommenden Legislaturperiode?
Es geht um Wirtschaft, Wirtschaft, Wirtschaft. Wie meine ich das? Erstens: Wir müssen unseren Standort wettbewerbs- und zukunftsfähig machen. Unser Ziel muss die Technologieführerschaft auf den Weltmärkten der Zukunft sein: Robotik, Künstliche Intelligenz, GreenTech, autonomes Fahren. Dafür will ich die Weichen stellen.
Zweitens: Ich will das Aufstiegsversprechen mit neuem Leben zu füllen. Kein Talent darf uns verloren gehen. Dafür brauchen wir den Fokus auf frühe Bildung – mit einem verbindlichen und kostenfreien letzten Kita-Jahr, mit mehr Kitaplätzen und mehr Ganztagsschulen. Gute Bildung, das weiß ich aus eigener Erfahrung, ist die beste Wirtschafts- und Sozialpolitik.
Drittens: Wir müssen Wachstum vom Naturverbrauch entkoppeln und zeigen, dass wir Klimaschutz nicht nur aus ökologischer, sondern auch ökonomischer Vernunft für eine lebenswerte Welt für unsere Kinder und Enkel in den Mittelpunkt rücken müssen.
Was hat Sie dazu bewogen, nach jahrzehntelanger bundespolitischer Erfahrung wieder Verantwortung in der Landespolitik zu übernehmen?
Ich bin als Kind von Gastarbeitern im Herzen der Schwäbischen Alb aufgewachsen. Ich habe persönlich erlebt, was möglich ist, wenn andere an dich glauben. Jetzt ist es für mich an der Zeit, diesem Land und seinen Menschen etwas zurückzugeben. Ich bin überzeugt: In Baden-Württemberg sind alle Stärken versammelt, die Deutschland zu bieten hat. Wir müssen die Stärken nur abrufen, die Talente fördern und ihnen den Weg freimachen.
Als Spitzenkandidat ihrer Partei treten Sie in die großen Fußstapfen von Winfried Kretschmann. Was nehmen Sie von ihrem Vorgänger mit und wo wollen Sie neue Akzente setzen?
Was Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg auf den Weg gebracht hat, ist für mich Ansporn und Auftrag. Wenn ich sage, Kretschmann kapieren, nicht kopieren, meine ich: Das Regierungsprogramm muss sich daran orientieren, wie die Welt ist, nicht, wie wir sie gerne hätten. Mir ist es wichtig, die Dinge beim Namen zu nennen, auch wenn’s mal unbequem wird. Für mich zählt die beste Idee, das bessere Argument, nicht das Parteibuch. Darauf können sich die Menschen im Land verlassen.
Angesichts der derzeitigen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Spannungen: Wie kann man „stabil in diesen bewegten Zeiten“ bleiben?
Mein Weg ist: Klar in den Zielen, flexibel im Weg. Ich will Wegbereiter sein. Die Ideen entstehen in den Betrieben, in der Forschung, in der Zivilgesellschaft. Mein Job ist es, den Unternehmern und Erfindern den Rücken freizuhalten, zum Beispiel, indem wir Verfahren und Genehmigungen schneller, einfacher, digitaler machen.
Was ist Ihr größter persönlicher und politischer Wunsch für die kommenden Jahre?
Wieder mehr zuhören, aufeinander zugehen, Kompromisse als Tugend und nicht als Schimpfwort begreifen. Wir müssen das Verbindende über das Trennende stellen. Mein Leitsatz ist von Hans-Georg Gadamer: Ein Gespräch setzt voraus, dass der Andere recht haben könnte. So möchte ich gerne im Land regieren.