Carles Durán ist der neue Trainer der MHP RIESEN Ludwigsburg. Mit drei Siegen aus den ersten vier Pflichtspielen hat er einen gelungenen Einstand hingelegt. Im Interview mit MORITZ Redakteur Alexander Hinssen sprach der Spanier vor dem Saisonstart über seine Basketball-Philosophie, die Entwicklung junger Spieler und seine Ziele mit den Barockstädtern.
Warum hast du dich für Basketball als deinen Sport entschieden?
Dafür gibt es viele Gründe. Der wichtigste ist sicherlich, dass ich Basketball schon als Kind geliebt und selbst gespielt habe. Außerdem war Sport durch meine Mutter immer ein großer Teil meines Lebens. Sie war Trainerin, allerdings nicht im Basketball, sondern in einer anderen Sportart. Sie war jeden Tag in der Sporthalle und meiner Meinung nach eine großartige Trainerin. Dadurch habe ich schon sehr früh eine enge Verbindung zum Sport entwickelt. Ich komme aus Katalonien, und natürlich ist Fußball in Spanien die wichtigste Sportart. Aber auch Basketball hat dort eine große Bedeutung. Als ich ein Kind war, hat sich der Basketball gerade stark entwickelt. Vielleicht erinnerst du dich: Spanien stand bei den Olympischen Spielen 1984 im Finale gegen die USA, mit einem jungen Michael Jordan. Ich war damals acht Jahre alt. In meinem Umfeld haben eigentlich alle meine Freunde Basketball gespielt. Basketball war einfach ein Teil unseres Lebens.
Du bist also praktisch mit Basketball aufgewachsen und hast nie wieder damit aufgehört.
Genau. In meiner Heimatstadt haben sehr viele Kinder Basketball gespielt. Für mich war es deshalb ganz natürlich, Teil dieser Welt zu sein.
Und irgendwann hast du dich entschieden, Trainer zu werden. Das ist ja noch einmal etwas ganz anderes, als selbst auf dem Parkett zu stehen.
Ursprünglich wollte ich eigentlich nur Basketball spielen. Als ich 15 Jahre alt war, sprach mich allerdings eine für mich sehr wichtige Person aus meinem Verein an. Er war der Koordinator und sagte: „Carles, warum trainierst du nicht die Kinder? Ich glaube, du könntest das gut machen.“ Also begann ich mit 15 Jahren, eine kleine Gruppe zehnjähriger Kinder zu trainieren. Von Jahr zu Jahr habe ich versucht, mich weiterzuentwickeln und unseren Sport besser zu verstehen. So hat meine Trainerkarriere begonnen.
Interessant, dass du so früh angefangen hast und dann einfach immer weitergemacht hast.
Am Anfang war ich in meiner Heimatstadt. Als ich 20 oder 21 Jahre alt war, kam dann eine weitere wichtige Person in mein Leben: Miquel Nolis. Er war Lehrer in Badalona und rief mich eines Tages an. Er sagte: „Hey Carles, wenn du möchtest, kannst du nach Badalona kommen und mit mir arbeiten.“ Damals war Miquel Trainer einer Jugendmannschaft in Badalona. Ich ging zu ihm und habe dort unglaublich viel gelernt. Danach war ich viele Jahre in Badalona. Letztlich gehört aber auch Glück dazu. Gerade wenn junge Menschen sagen: „Ich möchte Profisportler werden“, muss man ihnen erklären, dass viele Dinge zusammenkommen müssen. Wenn ich auf meine eigene Karriere zurückblicke, hatte ich in einigen Situationen einfach das Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.
Manchmal braucht man also Glück, meistens aber Fähigkeiten, wahrscheinlich eine Mischung aus beidem. Irgendwann hast du Badalona verlassen, in verschiedenen europäischen Ligen gearbeitet und bist nun erstmals in Deutschland. Was ist für dich das Besondere an der deutschen Liga?
Wenn ich ehrlich bin, wollte ich nach meinen zwei Jahren in der Türkei eigentlich nach Spanien zurückkehren. Die Zeit dort war aus verschiedenen Gründen keine gute Erfahrung. Mein Plan war deshalb, wieder nach Spanien zu gehen und in der ACB zu arbeiten. Während der vergangenen Saison habe ich aber sehr viel mit David [McCray a.d.R.] gesprochen. Er hat mir das Projekt in Ludwigsburg sehr gut erklärt und mich davon überzeugt. Ein weiterer wichtiger Faktor war Aíto García Reneses. Für mich ist er so etwas wie mein Vater im Basketball. Aíto ist eine sehr wichtige Person für mich. Er hat sehr positiv über die BBL, ihre Philosophie und die Menschen im deutschen Basketball gesprochen. Am Ende haben mich Aíto, David und Alex[ander Reil a.d.R.] überzeugt. Deshalb bin ich jetzt hier.
Was waren die wichtigsten Argumente, die dich überzeugt haben?
Eine Sache, die für mich sehr wichtig ist, ist die Möglichkeit, mit jungen Spielern zu arbeiten. Ich möchte mich gemeinsam mit der Mannschaft weiterentwickeln und gleichzeitig junge Spieler fördern. Der zweite Punkt ist die Ambition des Vereins. Ludwigsburg möchte sich mit den besten Mannschaften messen und um etwas kämpfen. Natürlich spielt auch die Geschichte des Vereins eine Rolle. Die MHP RIESEN sind im Vergleich zu anderen Klubs noch ein relativ junger Verein, haben sich aber in den vergangenen Jahren immer wieder mit den Besten gemessen. Gleichzeitig sind die Menschen hier sehr eng mit der Mannschaft verbunden. Die Nachwuchsarbeit ist für mich besonders wichtig. Ich glaube, dass sie langfristig sowohl für die jungen Spieler als auch für den Verein sehr wertvoll sein kann.
Im Interview hat David [McCray] mir gesagt, dass dein Name vor allem bei jungen Spielern einen guten Klang hat. Wie versuchst du, jungen Spielern auf das nächste Level zu bringen?
Zunächst einmal braucht man natürlich Talent. Wenn du kein Talent hast, wird es sehr schwierig. Wenn ich von Talent spreche, meine ich aber nicht nur bestimmte Basketballfähigkeiten. Talent kann auch bedeuten, dass jemand sehr belastbar ist oder bestimmte Fähigkeiten besonders gut beherrscht. Für mich ist aber etwas anderes noch wichtiger: Junge Spieler müssen Spaß am Spiel haben. Das ist der erste Punkt. Der zweite ist Ehrgeiz und der dritte die Bereitschaft zu lernen. Gerade die neue Generation möchte manchmal zu schnell zu viel erreichen. Wenn ich zum Beispiel mit meinen eigenen Kindern spreche, wollen sie manchmal sofort so gut sein wie ein Topspieler. Aber Entwicklung braucht Zeit. Man muss geduldig sein und Schritt für Schritt vorankommen, um am Ende bereit für den Profibasketball zu sein. Deshalb sind Ehrgeiz und die richtige Mentalität entscheidend. Genauso wichtig ist aber Geduld. Junge Spieler müssen verstehen, dass man nicht alles sofort erreichen kann.
Du hast bereits ein bisschen über die Vorbereitung gesprochen. Du hast gesagt, dass dir die Ergebnisse dabei nicht besonders wichtig sind. Wie zufrieden bist du mit den ersten Wochen in Ludwigsburg?
Grundsätzlich bin ich mit der Mannschaft zufrieden. Wir hatten bei einigen Spielern ein paar Probleme, aber insgesamt haben wir gut gearbeitet. Wir trainieren hart, und ich glaube, dass wir bereit sind, gut in die Saison zu starten. Gleichzeitig gibt es natürlich noch viele Dinge, die wir verbessern müssen, zum Beispiel unsere Trefferquote im Angriff. In einigen Testspielen hatten wir viele freie Würfe, die wir nicht getroffen haben. Ein Grund dafür kann natürlich sein, dass die Spieler durch die intensive Vorbereitung müde sind. Auch defensiv müssen wir konstanter werden. Wenn wir gut verteidigen, ist unsere Defense wirklich stark. Das gelingt uns aber noch nicht über die gesamte Spielzeit. Wir müssen verstehen, dass jede Position und jede einzelne Minute wichtig ist. Es reicht nicht, ein Viertel lang großartig zu spielen. Wir müssen über 40 Minuten konstant sein. Das ist nicht nur ein Ludwigsburger Problem, sondern betrifft viele Mannschaften. Die größte Herausforderung ist, Konstanz zu finden und die beste Balance für das Team zu entwickeln. Daran müssen wir arbeiten.
Du hast schon über deine Philosophie gesprochen. Wie möchtest du, dass die Mannschaft tatsächlich auf dem Feld auftritt?
Das Wichtigste ist für mich, dass wir sehr gut verteidigen. Ich kenne die Philosophie des Vereins. Ludwigsburg steht dafür, hart zu spielen. Darüber wurde in den vergangenen Jahren viel gesprochen. Für mich geht es aber nicht nur darum, hart zu spielen. Wir wollen aggressiv und physisch auftreten, dabei aber gleichzeitig eine gute, saubere Verteidigung zeigen. Der zweite Punkt ist, dass wir als Mannschaft zusammenspielen. Die Grundidee ist im Verein bereits sehr klar. Ich möchte aber noch einen Schritt weitergehen: Neben einer guten Verteidigung müssen wir auch im Angriff guten Basketball spielen. Wir müssen den Ball teilen. Bei manchen Mannschaften bekommt der Point Guard den Ball und entscheidet, was passiert. Diesen Basketball mag ich nicht. Ich möchte, dass fünf Spieler gemeinsam verteidigen und fünf Spieler gemeinsam angreifen. Außerdem möchte ich, dass wir viel laufen. Im modernen Basketball ist es sehr wichtig, früh zu einfachen Punkten zu kommen. Wenn man das nicht schafft, haben die Gegner Zeit, sich defensiv zu organisieren. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Rotation. Ich möchte nicht nur mit einigen wenigen Spielern arbeiten. Ich möchte neun, zehn oder sogar elf Spieler einsetzen. Natürlich hat jeder Spieler eine klar definierte Rolle. Aber ich möchte, dass jeder Spieler das Gefühl hat: „Ich bin wichtig für dieses Team.“ Vielleicht spielt jemand nur fünf Minuten, aber auch diese fünf Minuten können wichtig sein. Das ist meine grundsätzliche Idee für die Mannschaft. Ich möchte mit vielen Spielern arbeiten und nicht nur mit den erfahrenen Jungs. Auch jungen Spielern möchte ich eine Chance geben. Dafür brauchen wir aber eine gute Basis mit den erfahrenen Spielern. Wenn diese ihre Leistung bringen, können wir den jungen Spielern die Möglichkeit geben, ohne zu viel Druck auf sie abzuladen.
Wenn du am Ende der Saison zurückblickst: Was müsste passieren, damit du sagst: „Das war ein guter Start. Das war ein großartiges erstes Jahr“?
Für mich sind am Ende unsere Fans und die Menschen hier das Wichtigste. Ich weiß, dass im Profisport viele Menschen nur auf das Ergebnis schauen. Wenn wir gewinnen, ist alles großartig. Wenn wir verlieren, ist alles schlecht. So möchte ich nicht denken. Das Wichtigste ist für mich, dass unsere Fans sagen: „Das sind unsere Jungs.“ Natürlich ist das Selbstvertrauen größer, wenn man gewinnt. Auch die Stimmung rund um die Mannschaft ist dann eine andere. Aber langfristig möchte ich, dass die Menschen mit unserer Mannschaft zufrieden sind und Spaß haben. Ich möchte, dass die Fans sagen: „Ich möchte am Samstag oder Sonntag in die Arena gehen, weil diese Mannschaft großartigen Basketball spielt.“ Das ist unser größtes Ziel: für unsere Fans zu spielen. Das ist für mich das Wichtigste.
Großartig. Dann noch eine letzte persönliche Frage: Wie gefällt dir Ludwigsburg?
Ich mag die Stadt sehr. Für mich gibt es dabei zwei Seiten. Zum einen den Bereich rund um den Marktplatz. Ich gehe sehr gerne dort spazieren. Im Vergleich zu Spanien empfinde ich die Menschen hier als sehr ruhig. Es gibt viele Restaurants, und die Innenstadt ist wirklich schön. Aber ich mag auch die andere Richtung sehr. Dort kann ich spazieren gehen oder laufen. In der Nähe meiner Wohnung kann ich zum Beispiel direkt in den Wald gehen. Dort kann ich alleine sein, und das ist für mich sehr wichtig. Ich kann verschiedene Wege nutzen und einfach abschalten. Manchmal gehe ich aber auch in Richtung Innenstadt, laufe dort herum und beobachte die Menschen. Und manchmal bin ich einfach lieber für mich.
Die Heimspiele im Oktober
So. 4. Oktober, 18 Uhr: MHP RIESEN Ludwigsburg vs. VET-CONCEPT Gladiators Trier
So. 18. Oktober, 16.30 Uhr (BBL-Pokal): MHP RIESEN Ludwigsburg vs. RASTA Vechta
Sa. 24. Oktober, 20 Uhr: MHP RIESEN Ludwigsburg vs. Telekom Baskets Bonn,
alle in der MHPArena, Ludwigsburg
alle Infos & Termine: mhp-riesen-ludwigsburg.de