Die Dieter Schwarz Stiftung und das Institut für Wirtschaftsinformatik der Universität St.Gallen (HSG) haben eine mehrjährige Fördervereinbarung abgeschlossen. An der HSG wird ein Kompetenzzentrum »Enterprise Software, KI und Transformation« (im Kontext von digitaler Souveränität) aufgebaut. Die Förderung erstreckt sich auf fünf Jahre bis 2030.
In Zeiten großer geopolitischer und wirtschaftlicher Unsicherheiten, rückt die digitale Souveränität Europas in den Mittelpunkt politischer, ökonomischer und technologischer Strategien. Speziell im Bereich der Cloud-Transformation sind die Herausforderungen für Unternehmen komplex: Fragmentierte IT-Landschaften, heterogene Regulierungen, proprietäre Technologien, Unsicherheit bezüglich Datenhoheit und mangelnde Interoperabilität untergraben digitale Autonomie. Gleichzeitig besteht ein wachsender Bedarf an vertrauenswürdigen, offenen und skalierbaren Infrastrukturen sowie resilienten Cloud-Governance-Modellen. Im Zuge eines mehrjährigen Forschungsprojekts möchten Forschende am Institut für Wirtschaftsinformatik (IWI-HSG) einen maßgeblichen Beitrag zum Aufbau souveräner Cloud-Infrastrukturen und digitaler Ökosysteme in Europa leisten. Die Pläne der HSG-Forschenden fanden Anklang bei der Dieter Schwarz Stiftung in Heilbronn. Im Januar hat die Stiftung eine fünfjährige Fördervereinigung mit der HSG unterzeichnet. »Digitale Souveränität ist das Fundament, auf dem Europa seine technologische Unabhängigkeit sichert. Mit der Förderung des Kompetenzzentrums an der Universität St. Gallen investieren wir nicht nur in exzellente Forschung zu KI und Cloud-Strukturen, sondern schaffen eine Brücke in die Praxis«, sagt Gunther Friedl, Geschäftsführer der Dieter Schwarz Stiftung. »Durch innovative Weiterbildungsprogramme bringen wir dieses Wissen direkt zu den Entscheidungsträgern von morgen. Besonders die enge Vernetzung mit unserem Ökosystem auf dem Bildungscampus in Heilbronn stellt sicher, dass aus wissenschaftlichen Erkenntnissen echte Kompetenzen für die Wirtschaft entstehen.«
Praxistransfer im Fokus
Ziel des Projekts ist es, wissenschaftlich fundierte, anwendungsnahe und zukunftsweisende Modelle für souveräne Cloud-Infrastrukturen und Transformationen für Enterprise IT und insbesondere KI zu entwickeln. Diese sollen über sektorspezifische Unterschiede hinweg Gültigkeit beanspruchen. Die Resultate sollen zu strategischen Handlungsmodellen für Politik, Wirtschaft und Forschung beitragen und konkrete Transferpfade in unternehmerische und regulatorische Kontexte eröffnen. Zudem wird der Wissenstransfer der Forschungsresultate durch praxisnahe Weiterbildungsangebote gestärkt. Geplant sind Kurse für Führungspersonen, standortübergreifende Programme (in St.Gallen und auf dem Bildungscampus in Heilbronn) sowie digital gestützte Formate für lebenslanges Lernen.
Multiperspektivischer Ansatz
Um die genannten Herausforderungen in ihrer Gesamtheit zu erfassen und taugliche Lösungen für alle Anspruchsgruppen zu finden, verfolgt das Projekt einen multiperspektivischen Ansatz mit mehreren koordinierten Teilprojekten. Eines befasst sich mit der Situation aus Sicht der Cloud-Anbieter, ein zweites mit der Anwendersicht und ein drittes untersucht, welche Rolle Innovationsökosysteme als Gestalter der digitalen Souveränität spielen können. Im Fokus stehen dabei die strukturellen Beiträge technologieorientierter Startups. »Enterprise Software und KI sind zentrale Zukunftsfelder für Wirtschaft und Gesellschaft«, so Projektleiter Prof. Jan Marco Leimeister. »Wir wollen Anbieter- und Anwenderunternehmen helfen, die Transformation zu KI- und cloudbasierter Wertschöpfung optimal zu bewältigen.«
Förderung des Akademischen Nachwuchs
Das Forschungsprojekt ist über eine Laufzeit von fünf Jahren konzipiert. Es umfasst mehrere Promotionsvorhaben und die Einbindung von Assistenzprofessorinnen und -professoren sowie Postdocs. Durch eine enge Zusammenarbeit mit dem Bildungscampus der Dieter Schwarz Stiftung in Heilbronn und die Einbindung geeigneter Partner wird nicht nur in der Schweiz, sondern auch am Sitz der Stiftung regionale Wirkung erzielt.
Kommentar
MORITZ-Redakteur David Gerhold meint dazu: Bei der Fördervereinbarung zwischen der Dieter Schwarz Stiftung und der HSG handelt es sich um mehr als lediglich einen klassischen Forschungspakt. Vielmehr ist sie ein innovativer wie wichtiger Beitrag zur Gestaltung der digitalen Zukunft Europas. Auf diese Weise wird ein unmittelbarer und vor allem konkreter Beitrag zu den aktuellen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Herausforderungen geleistet. Die Initiative setzt dabei ein klares Zeichen: Europa muss seine Zukunft selbst gestalten, und zwar auf Basis eigener, vertrauenswürdiger Technologien und umfassender digitaler Kompetenzen. Es ist offensichtlich, dass Unternehmen gerade im Bereich Künstliche Intelligenz vor enormen Herausforderungen stehen, die über rein technische Fragen hinausgehen. Dringend nötig sind hier Orientierung, robuste Modelle und einen Brückenschlag zwischen Theorie und Praxis. Das neue Kompetenzzentrum an der HSG ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung und gleichzeitig ein starkes Signal für unsere Region.
Gerade für Heilbronn-Franken ist dieses Engagement von besonderer Bedeutung. Die Region hat sich – nicht zuletzt durch den Bau des Innovationsparks Künstliche Intelligenz (IPAI in den vergangenen Jahren zu einem der dynamischsten Innovations- und Bildungsstandorte Deutschlands entwickelt, mit einem starken industriellen Mittelstand, wachsender Start-up-Szene und klarer Ambition im Bereich Künstliche Intelligenz und Digitalisierung.
In Zeiten politischer Unsicherheit und internationaler Krisen – gerade in Bezug auf Präsident Donald Trump in den USA – wird die Fördervereinbarung zu mehr als einer Investition in Forschung: Sie ist ein Statement. Für die Rolle von Wissenschaft als Orientierungsgeber in unsicheren Zeiten. Für die Bedeutung regional verankerter Stiftungen mit internationalem Horizont. Und für eine digitale Zukunft, in der wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, technologische Kompetenz und Souveränität zusammengedacht werden. Es stärkt Europas Fähigkeit, eigene Antworten auf die Herausforderungen der Zukunft zu entwickeln – und somit auch seine Unabhängigkeit.
