Nach seiner Ausbildung zum Elektroniker und dem Studium des Wirtschaftsingenieurwesens führte ihn der Weg über eine Diplomarbeit zu Bosch. Heute verantwortet Jürgen Häußer das Produktmanagement im Nutzfahrzeugbereich. Im Interview mit MORITZ Redakteur Alexander Hinssen spricht er über seinen Karriereweg, die Transformation der Mobilitätsbranche, den internationalen Wettbewerb und die wachsende Bedeutung von Künstlicher Intelligenz.
Wie sind Sie zu Bosch gekommen?
Zunächst habe ich eine Ausbildung zum Elektroniker gemacht und anschließend Wirtschaftsingenieurwesen studiert. Mir war es wichtig, Technik mit betriebswirtschaftlichem Wissen zu verbinden. Während des Studiums habe ich praktische Erfahrungen bei verschiedenen Unternehmen gesammelt, unter anderem bei Behr und Siemens, und war auch im Ausland. Für meine Diplomarbeit wollte ich ein neues Unternehmen kennenlernen und kam so zu Bosch nach Schwieberdingen. Dort habe ich eine Markt- und Technikanalyse im Bereich Mobilhydraulik erstellt und Bosch als technisch führendes, international aufgestelltes und zugleich bodenständiges Unternehmen kennengelernt.
Wie ging es nach dem Studium weiter?
Nach der Diplomarbeit bin ich in den Geschäftsbereich Diesel Systems gewechselt und habe im Vertrieb sowie Projektmanagement für Nutzfahrzeuge angefangen. Ich habe Kundenprojekte betreut und schrittweise mehr Verantwortung übernommen. Nach rund fünf Jahren hatte ich die Möglichkeit, drei Jahre in den USA zu arbeiten und dort mit einem kleinen Team amerikanische Kunden zu betreuen. Diese Zeit hat mir gezeigt, wie international unser Geschäft ist. Heute bin ich für das Produktmanagement unserer »Commercial Vehicle Group« verantwortlich – also alles rund ums Nutzfahrzeug.
Die Automobilindustrie befindet sich im Wandel. Wie wirkt sich das auf Ihren Bereich aus?
Wir erleben derzeit einen grundlegenden Technologiewandel. Der Antrieb entwickelt sich weg vom klassischen Dieselmotor hin zu batterieelektrischen und perspektivisch autonomen Fahrzeugen. Aus meiner Sicht ist das für die Automobilindustrie eine Chance, denn jede neue Technologie erfordert neue Komponenten, Software und Systeme. Fahrerassistenzsysteme und autonomes Fahren entwickeln sich rasant weiter und können künftig einen effizienteren Fahrzeugbetrieb ermöglichen. Gleichzeitig kann die Technologie dabei helfen, dem weltweiten Fahrermangel entgegenzuwirken. Natürlich wirkt sich das auch auf unser Produktportfolio aus. Klassische Dieseltechnologien verlieren langfristig an Bedeutung, während wir unsere Produktpalette verstärkt in Richtung elektrischer Antriebe und Lenkungssysteme, Sensorik und Software weiterentwickeln. Gleichzeitig wächst der internationale Wettbewerb. Vor allem chinesische Hersteller holen technologisch sehr schnell auf und treten zunehmend auch in Europa auf. Bosch ist jedoch seit Jahrzehnten weltweit präsent. Wir entwickeln und fertigen Produkte möglichst dort, wo sie später eingesetzt werden. Die entscheidende Frage wird künftig sein, wie schnell und flexibel wir weltweit auf die jeweiligen Marktbedürfnisse reagieren können.
Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz in Ihrem Bereich?
Eine sehr große. KI verändert unsere Entwicklungsprozesse bereits heute grundlegend. Fahrzeuge liefern enorme Datenmengen, die wir mithilfe digitaler Zwillinge auswerten können. Fehler werden schneller erkannt, neue Software lässt sich virtuell testen und Updates können innerhalb weniger Stunden auf Fahrzeuge übertragen werden. Dadurch verkürzen sich Entwicklungszeiten erheblich. Auch bei der Auswertung komplexer Daten und in strategischen Fragestellungen unterstützt KI uns dabei, Trends zu erkennen und fundierte Entscheidungen vorzubereiten. Die endgültige Bewertung bleibt unsere Aufgabe, doch KI ist längst ein wichtiges Werkzeug geworden. Sie ersetzt den Menschen nicht, macht Prozesse aber schneller, effizienter und datenbasierter.
Was möchten Sie jungen Menschen mit auf den Weg geben, die heute über eine Karriere bei Bosch oder in der Industrie nachdenken?
Ich glaube, dass junge Menschen heute vor allem eine Perspektive brauchen. Dabei spielt der Schulabschluss allein keine entscheidende Rolle. Ich selbst habe auf der Realschule angefangen und anschließend eine Ausbildung zum Elektroniker gemacht. Erst als mein Zeitvertrag auslief, habe ich begonnen, über ein Studium nachzudenken. Ich brauchte damals einen kleinen Anstoß von außen. Rückblickend war das genau der richtige Weg für mich. Deshalb bin ich überzeugt: Mit genügend Ehrgeiz, der richtigen Einstellung und der Bereitschaft, Herausforderungen anzunehmen, kann man auch künftig sehr viel erreichen. Unabhängig davon, welchen Bildungsweg jemand einschlägt, findet man in der Industrie Entwicklungsperspektiven. Für mich ist als Führungskraft vor allem eines entscheidend: Menschen müssen Freude an ihrer Arbeit haben und motiviert sein, Dinge voranzubringen. Fachliche Kompetenz ist wichtig, mindestens genauso wichtig ist aber das Mindset. Wer Verantwortung übernehmen und gemeinsam mit anderen etwas bewegen möchte, hat beste Voraussetzungen. Warum Bosch? Ich habe hier ein Unternehmen gefunden, mit dem ich mich identifizieren kann: technisch führend, international und gleichzeitig bodenständig. Besonders meine Zeit in den USA hat mich persönlich und als Führungskraft geprägt. Dort habe ich erlebt, wie wichtig unterschiedliche Perspektiven und internationale Zusammenarbeit sind. Am Ende sind Unternehmen erfolgreich, bei denen motivierte Mitarbeiter gute Produkte entwickeln.
Lebenslauf Jürgen Häußer
Ausbildung
08/1989 – 02/1993 Ausbildung Industrieelektroniker, Produktionstechnik
10/1996 – 07/2000 Studium Dipl. Wirt.-Ing (FH Pforzheim)
Werdegang bei der Robert Bosch GmbH
10/2000 – 05/2005 Projektleiter / Vertriebsingenieur für Kundenprojekte Nutzfahrzeug-Kunden (Stuttgart-Feuerbach)
05/2005 – 03/2008 Gruppenleiter Vertrieb US Truck & Off-Highway Kunden (Farmington Hills, USA)
03/2008 – 10/2011 Gruppenleiter Vertrieb US Truck & Off-Highway Kunden für US Kunden (Stuttgart-Feuerbach)
11/2011-10/2013 Abteilungsleiter Produktmanagement, Business Unit Nutzfahrzeuge (Stuttgart-Feuerbach)
11/2013 – 08/2022 Abteilungsleiter Vertrieb, Nutzfahrzeugkunden (Stuttgart-Feuerbach)
09/2022 – heute Vice President, Produktmanagement, Marktsegment Nutzfahrzeuge (Stuttgart-Feuerbach)
Kennzahlen der Robert Bosch GmbH
Umsatz: ca. 90 Mrd. €
Mitarbeitende: ca. 430.000
Bosch Mobility umfasst als größter Unternehmensbereich ca. 60 Prozent der Bosch-Gruppe Umsatz ca. 65 Mrd. € ca. 230.000 Mitarbeiter
Der Bereich Nutzfahrzeuge umfasst rund 10 Prozent des Mobility-Geschäfts Umsatz: ca. 5 Mrd. € ca. 10.000 Mitarbeitende
